Ein Königlich Preußischer Kammermusikus

Johann Joachim Quantz (1697-1773)

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Einer der interessantesten Musiker im Preußen des 18. Jahrhunderts war Johann Joachim Quantz. 1697 im niedersächsischen Oberscheden als Sohn eines Hufschmieds geboren, besuchte er in Merseburg die “Stadtpfeife”, eine Lehranstalt für junge Musikanten. Im Gegensatz zu den heutigen Musikhochschulen lernte man dort die Handhabung aller gängigen Instrumente, bevor man sich schließlich für ein bestimmtes entschied. Quantz wählte die Querflöte.

Nachdem er 19jährig die musikalische Lehre als “Stadtpfeifer-Geselle” abgeschlossen hatte, wurde er 1718 Mitglied der “Kleinen oder Pohlnischen Capell-Musique” des polnischen Königs und sächsischen Kurfürsten am Dresdener Hof. Danach hatte er das große Glück, 1724 bis 1727 seine musikalischen Fähigkeiten und Kenntnisse auf mehreren Studienreisen durch Italien, Frankreich und England zu vertiefen. Ab 1728 war er Flötist in der großen Dresdener Hofkapelle (der heute weltberühmten Staatskapelle Dresden).

Im gleichen Jahr traf er mit Kronprinz Friedrich von Preußen, dem späteren König Friedrich II., zusammen, den er tief beeindruckte. Ein Jahr nach seinem Regierungsantritt holte der König ihn 1741 nach Berlin. Er bot ihm einen fürstlichen Jahressold von 2.000 Talern auf Lebenszeit und stellte ihn als persönlichen musikalischen Berater an. Damit war endgültig über den glanzvollen Verlauf der Karriere des Johann Joachim Quantz entschieden.


Kompositionen für sein Lieblingsinstrument

Um noch einmal auf die Stadtpfeife zurückzukommen: Man lernte dort neben der Fähigkeit, Instrumente zu spielen, auch Grundbegriffe der Harmonielehre und der Komposition. Das galt auch für Quantz, der schon in früher Jugend begann, gefällige Stücke zu schreiben. Bald vervollkommnte er seine tonsetzerischen Kenntnisse bei berühmten Lehrern seiner Zeit, und es entstanden respektable Sonaten und Konzerte für sein Lieblingsinstrument, die Flöte. Sein Stil stellt eine Synthese italienischer, französischer und englischer Elemente dar, weshalb man auch vom “stile misto” (dem “gemischten Stil”) spricht. Gemeinsam mit Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788), Carl Heinrich Graun (1702-1771) und Franz Benda (1709-1786) gehörte er zur sogenannten “Berliner Schule”. Er schrieb seine Werke meist im Auftrag Seiner Majestät Friedrichs II., der seit seiner Jugend sein gelehriger Flötenschüler war und sich zu einem geachteten Virtuosen entwickelte. Das Werkverzeichnis von Quantz umfasst weit über 500 Kompositionen (200 Sonaten und 300 Konzerte), deren größter Teil in der späteren “Königlichen Hausbibliothek” verwahrt wurde. Wenn man bedenkt, dass Friedrich jede Komposition einzeln honorierte, erklärt sich diese erstaunlich hohe Zahl. Nun war diese Praxis für damalige Zeiten nicht ungewöhnlich. Der berühmte Thomaskantor Johann Sebastian Bach zum Beispiel hat ebenfalls eine beachtliche Zahl von Kompositionen hinterlassen, die nahezu ausnahmslos “im Auftrag” entstanden und jeweils einzeln bezahlt wurden. Friedrich II., der neben dem Flötenspiel auch bei seinem Hofkapellmeister Carl Heinrich Graun das Komponieren erlernt hatte, verfasste selbst eine größere Zahl von Sonaten und Konzerten für die “Flute traversière”.

Johann Joachim Quantz war aber nicht nur ein hervorragender Flötist und versierter Komponist, sondern auch ein vorbildlicher Lehrer und brillanter Musikschriftsteller. Bemerkenswert ist, mit welcher Ernsthaftigkeit er seine musikpädagogischen Erfahrungen aufschrieb, um sie in der Fachwelt und darüber hinaus einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und so verfügen wir über prägnant formulierte Lehrsätze, die noch heute ihre volle Gültigkeit haben. In seinem Buch “Versuch einer Anweisung, die Flöte traversière zu spielen”, das er 1752 seinem “allergnädigsten Könige und Herrn” widmete, veröffentlichte der Königlich Preußische Kammermusikus Johann Joachim Quantz “verschiedene, zur Beförderung des guten Geschmacks in der praktischen Musik dienliche Anmerkungen”. Dieses Buch, vergleichbar mit der Klavierschule Carl Philipp Emanuel Bachs oder der Violinschule Leopold Mozarts, ist mehr als nur ein Unterrichtswerk schlechthin. Es ist vielmehr die Sammlung umfangreicher pädagogischer, kompositorischer, aufführungspraktischer und ästhetisch-theoretischer Erfahrungen eines Mannes, der über eine solide Bildung in Musik, Philosophie, Sprachen und Lebensart verfügte. Interessant ist auch, dass Quantz in seinem Buch für die Entfaltung der eigenen Musikkultur aller Völker plädiert, was für eine dem Hofe nahestehende Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts keineswegs eine Selbstverständlichkeit war. Ein weiteres Buch sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt: “Herrn Johann Joachim Quantzens Lebenslauf, von ihm selbst entworfen”. Immerhin enthält es viele Details, die in keiner der späteren Biographien über den Maestro zu lesen sind.


.... die aparte Delikatesse einer Kammermusik

Eine seiner zahlreichen Aufgaben am Hofe Friedrichs II. bestand darin, die Hauskonzerte zu organisieren. Und auch auf diesem Felde war Johann Joachim Quantz erfolgreich. Heinz Alfred Brockhaus beschreibt in seiner “Europäischen Musikgeschichte” den damaligen Musikbetrieb sehr anschaulich: “Man vergegenwärtige sich die innenarchitektonische Gestaltung des Konzertsalons im Schloss Sanssouci, dessen unwiederholbare Harmonie der dezenten Farben, der mythologischen Bilder, der üppig-verspielten Ornamente, den Schimmer der glitzernden Lüster und den Glanz der Kerzen, und dazu die aparte Delikatesse einer Kammermusik für Querflöte, Violine und Cembalo: Das war höfische Kunst, ein Gesamtwerk des Rokokos ...” (Band 2, S. 446).

Wenn man über Johann Joachim Quantz berichtet, darf man nicht seine Verdienste als Instrumentenbauer vergessen. Eine seiner Erfindungen ist der “Aus- und Einschiebekopf” der Querflöte, der sich bis heute erhalten hat. Mit seiner Hilfe kann die Stimmung des Instruments bis zu einem Halbton verändert werden. Weniger Anklang bei den Zeitgenossen fand er jedoch mit der Entwicklung der zweiten Klappe. Aber er baute nicht nur die Flöten, sondern er stimmte sie auch für jeden Musiker, der dies wünschte. Sein feines Gehör, die genaue Kenntnis der Bauelemente und seine jahrzehntelangen Erfahrungen als Flötist machten ihn auch auf diesem Gebiet zu einem gesuchten Experten. Dass er mit diesen Tätigkeiten wiederum gutes Geld verdienen konnte, liegt auf der Hand und tröstete ihn vielleicht über die Tatsache hinweg, dass er alle Konzertreisen und auch Einladungen an andere Höfe ausschlug, um stets in Berlin oder Potsdam zur Verfügung zu stehen. Lediglich auf den Feldzügen begleitete er den König, zusammen mit einigen weiteren Musikern.

Es gibt viele Anekdoten, die vom Mutterwitz und dem Musikantenhumor des Kammermusikus Quantz künden. Man sagt, er sei der einzige gewesen, dem es gestattet war, des Königs Flötenspiel zu kritisieren. Friedrich nahm es ihm auch nicht übel, wenn er einen derben Scherz mit gleicher Münze zurückzahlte. Während eines Flötenkonzertes las Quantz auf seinem Notenblatt verwundert die handschriftliche Anmerkung “Quantz ist ein Esel. Friedrich II.”. Äußerlich scheinbar ungerührt, spielte er sein Stück zu Ende. Den König aber ärgerte, dass keinerlei Reaktion erfolgte. Darauf befahl er, die Notiz vorzulesen. Quantz folgte dem Befehl und las vor versammelter Hofgesellschaft mit lauter Stimme: “Quantz ist ein Esel. Friedrich der zweite”.


Eine Trauerkantate für den Verstorbenen

Als Quantz tödlich erkrankte, umsorgte und pflegte ihn der König höchstpersönlich. Bei seinem Tode hinterließ der Meister ein angefangenes, sein 300. Flötenkonzert. Friedrich komponierte nach Skizzen des Verstorbenen den Schlusssatz hinzu. Als das Werk in Schloss Sanssouci zum ersten Mal erklang, brach der König dort, wo Quantz aufgehört hatte, ab und sagte leise: “Unser Quantz ist mit guten Gedanken aus der Welt gegangen!”.

Johann Joachim Quantz wurde am 12. Juli 1773 in Potsdam zur letzten Ruhe gebettet. Am 6. August des gleichen Jahres wurde in einem der “Concerte der musikalischen Liebhaber” in Berlin eine Trauerkantate auf den Tod von Quantz aufgeführt. Der Komponist ist unbekannt, das gedruckte Textbuch jedoch ist erhalten.

Horst Fliegel



Erschienen in “Berlinische Monatsschrift”, Luisenstädtischer Bildungsverein e. V., Juli 1995